Bota­ni­scher Gar­ten Schel­l­er­hau: Geschichte

Geschichte

Beginn

Der Bota­ni­sche Gar­ten hat sei­nen Ursprung in dem vom Gus­tav Adolf Posch­arsky 1906 in Schel­l­er­hau ange­leg­ten pri­va­ten Ver­suchs­gar­ten. Posch­arsky, der am 12. Mai 1832 in Dres­den gebo­ren wurde und am 27.2.1917 in Schel­l­er­hau starb, war vor sei­ner Pen­sio­nie­rung fast 3 Jahr­zehnte König­lich-Säch­si­scher Inspek­tor des Dresd­ner Bota­ni­schen Gar­tens. Er war nicht nur ein sehr erfolg­rei­cher Gärt­ner, son­dern zählte auch zu den eif­rigs­ten Flo­ris­ten Sach­sens, der zahl­rei­che Pflan­zen­ar­ten ent­deckte und etwa 20.000 Her­bar­be­lege sowie 8.000 Pflan­zen­aqua­relle hin­ter­ließ.

Zu den Beweg­grün­den der Anlage des Gar­tens in Schel­l­er­hau schreibt er 1909 im Bericht über seine Pflan­zen­kul­tur­ver­su­che:
„Auf mei­nen bota­ni­schen Exkur­sio­nen nach dem Erz­ge­birge fand ich stets die Pflan­zen­kul­tu­ren sehr gering­fü­gig. Wenn ich nach dem Umstand fragte, wurde mir immer die Ant­wort zu teil: In unse­rem höhe­ren Erz­ge­birge wächst nichts als Kar­tof­feln, Hafer und etwas Korn. Damals schon ent­stand in mir der Gedanke, ob wohl diese Anga­ben sich rich­tig ver­hiel­ten oder nicht. Vor drei Jah­ren, wo ich mich durch die Pen­si­ons­zeit in der Gesund­heit etwas erholt hatte, fühlte ich das Bedürf­nis oben ange­führ­ten Gedan­ken, im Erz­ge­birge einen Ver­suchs­gar­ten anzu­le­gen, zu ver­wirk­li­chen. Soweit mir bekannt, ist es der erste Ver­such mit einem sol­chen Gar­ten im Erz­ge­birge. Ich wählte dazu das Hoch­pla­teau von Schel­l­er­hau 750 m hoch. … Mein Ver­suchs­gar­ten ist klein, nicht ganz einen Schef­fel* groß, ich muss mich daher mit klei­nen Anpflan­zun­gen begnü­gen. Die Anpflan­zun­gen bestan­den aus Obst­bäu­men, Bee­ren­obst, Zier­sträu­chern, Gemüse, Som­mer­ge­wäch­sen, peren­nie­ren­den Pflan­zen und, um wenigs­ten in einer Rich­tung hin sicher zu gehen, pflanzte ich einen guten Teil alpi­ner Pflan­zen an.“

* 1 Scheffel=0,5 Acker=2767,10m² (Kur­sach­sen)

Im Detail wer­den in die­sem Bericht für das Jahr 1908 bereits 93 Gehölze, dar­un­ter 19 Apfel­sor­ten, 9 Bir­nen, 7 Pflau­men- und 2 Kirch­sor­ten sowie 13 Rosen­ar­ten, zahl­rei­che Zier­sträu­cher und 401 Stau­den­ar­ten auf­ge­führt. Unter den Stau­den waren neben den wich­tigs­ten mon­ta­nen und alpi­nen Arten auch die Cha­rak­ter­ar­ten des Erz­ge­bir­ges zu fin­den.

Umfang­rei­che Ver­su­che führte Posch­arsky mit ver­schie­de­nen Kar­tof­fel­sor­ten durch. Beim Gemüse stellte er fest, dass Boh­nen jeder Art, Zwie­beln und Por­ree kaum fort­ka­men, wäh­rend Möh­ren, Spi­nat und Blu­men­kohl mit gro­ßem Erfolg gezo­gen wur­den.

1916 wurde Posch­arks­kys pri­va­ter Ver­suchs­gar­ten an den Forst­bo­ta­ni­schen Gar­ten Tha­randt ange­glie­dert. Die Zeit­schrift des Erz­ge­birgs­ver­eins „Glück­auf“ infor­miert im Sep­tem­ber­heft 1916:
„Der von Gar­ten­in­spek­tor a.D. ange­legte Alpen­gar­ten in Schel­l­er­hau bei Kips­dorf ist vor kur­zem in den Besitz des Staa­tes über­ge­gan­gen, und seine Ver­wal­tung wird an den Forst­bo­ta­ni­schen Gar­ten zu Tha­randt ange­schlos­sen; die wis­sen­schaft­li­che Lei­tung ist somit dem Pro­fes­sor der Bota­nik an der Forst­aka­de­mie Dr. Neger, die gärt­ne­ri­sche Pflege dem Forst­gar­ten­in­spek­tor Bütt­ner anver­traut. Es ist Aus­sicht genom­men, das von Inspek­tor Posch­arsky mit fein­sin­ni­gem Ver­ständ­nis, gro­ßer Mühe und Sach­kennt­nis ange­legte Alpinum soweit als mög­lich in sei­ner jet­zi­gen Form zu erhal­ten und zu pfle­gen. Außer­dem sol­len Ver­su­che ange­stellt wer­den, wel­che Bäume und Sträu­cher (Zier- u. Obst­sträu­cher) in der Höhen­lage von Schel­l­er­hau (700−800 m) fort­kom­men und etwa auch Früchte tra­gen.“

1920

Mit der 1920 erfolg­ten Beru­fung von Prof. Dr. Neger an die Tech­ni­sche Hoch­schule Dres­den als Pro­fes­sor für Bota­nik wurde der Schel­l­er­hauer Gar­ten als „Alpen­pflan­zen-Anzucht­sta­tion“ dem Bota­ni­schen Gar­ten Dres­den zuge­ord­net. Man­gels finan­zi­el­ler Mit­tel ließ 1924/​25 die Tech­ni­sche Hoch­schule die Anlage ohne Bewirt­schaf­tung lie­gen. Sie ver­fiel. In die­ser Zeit griff der Lan­des­ver­ein Säch­si­scher Hei­mat­schutz ein, der vom Finanz­mi­nis­te­rium den Gar­ten unent­gelt­lich über­nahm. Die wis­sen­schaft­li­che Lei­tung oblag dem Gehei­men Schul­rat J. Sie­ber, einem Ver­eins­mit­glied. Der Staat finan­zierte die Stelle eines staat­li­chen Forst­warts (mit Ehe­frau) zur Betreu­ung und Beauf­sich­ti­gung.

1928 erwarb der Lan­des­ver­ein das öst­lich an den Gar­ten angren­zende Gelände (2240 qm), des­sen Gestal­tung, inhalt­li­che Glie­de­rung und Bepflan­zung Sie­ber mit gro­ßem Ein­satz plante und lei­tete.

Nach sei­nem Tod über­nahm Ober­leh­rer Robert Miß­bach im Früh­jahr 1930 die Lei­tung des Gar­ten und führte ihn in eine neue Glanz­zeit.

Der Kauf wei­te­rer 800 qm am öst­li­chen Rand noch im sel­ben Jahr ermög­lichte das Her­aus­neh­men beschat­ten­der Gehölze des Kern­gar­tens. Miß­bach, der mit Unter­stüt­zung des Lan­des­ver­eins bereits auf der Gar­ten­bau­aus­stel­lung in Dres­den 1926 eine kleine Anlage mit den in Sach­sen geschütz­ten Pflan­zen gestal­tet hatte, baute im Gar­ten die Quar­tiere der hei­mi­schen Erz­ge­birgs­flora aus und legte für Pflan­zen der feuch­ten Wie­sen und Hoch­moore ein spe­zi­el­les Moor­beet an. Bei einer Bestands­auf­nahme Mitte der 1930er Jahre kar­tierte der Schel­l­er­hauer Kan­tor Schmidt eine Viel­falt von 1026 Pflan­zen­ar­ten.

Mit der Ein­be­zie­hung der Flora des Erz­ge­bir­ges sollte der Gar­ten ver­stärkt die Kennt­nis der hei­mi­schen Pflan­zen för­dern und das Ver­ständ­nis für die Bestre­bun­gen des Natur­schut­zes wecken.

Nach der Erkran­kung Miss­bachs und dem Aus­bruch des 2. Welt­krie­ges reich­ten die Arbeits­kräfte zum Erhalt des Gar­tens nicht mehr aus und die Anlage ver­fiel erneut.

1946, nach Ende des 2. Welt­kriegs

Unmit­tel­bar nach Kriegs­ende nahm sich der Lan­des­ver­ein des ver­wil­der­ten Gar­tens wie­der an und ver­pflich­tete im Mai 1946 den Ober­leh­rer und ver­dienst­vol­len Bota­ni­ker Fritz Stopp aus Rade­beul nach Schel­l­er­hau. Von den über 1000 Pflan­zen­ar­ten, die vor dem Krieg im Gar­ten wuch­sen, fand er nur noch 33 Gehölze und 158 Stau­den vor. Stopp, der den Gar­ten 20 Jahre mit Hin­gabe betreute, baute in kür­zes­ter Zeit den Pflan­zen­be­stand im Mißbach’schen Sinne wie­der auf. In sei­ner Ver­öf­fent­li­chung über den Bota­ni­schen Gar­ten im Jahre 1951 konnte er bereits wie­der über 1000 Pflan­zen­ar­ten auf­füh­ren. Spä­ter zähl­ten seine bota­ni­schen Samm­lun­gen ca. 2000 Arten ein­schließ­lich spon­ta­ner Groß­pilze, Flech­ten und Moose.

Nach­dem im Jahre 1948 das Eigen­tum des Lan­des­ver­ein unrecht­mä­ßig abge­wi­ckelt wor­den war, über­nahm die Haupt­ver­wal­tung der Staat­li­chen Museen, Schlös­ser und Gär­ten des Lan­des Sach­sen die Ver­wal­tung des Gar­tens. 1953 erfolgte im Rah­men der Ver­wal­tungs­re­form seine Zuord­nung zum Rat des Krei­ses Dip­pol­dis­walde, der 1981 dem Gemein­de­ver­band Kips­dorf die Trä­ger­schaft über­trug.

Nach dem Aus­schei­den von Fritz Stopp über­nahm 1966 sein lang­jäh­ri­ger Mit­ar­bei­ter Ger­hard Lieb­sch­ner aus Schel­l­er­hau die allei­nige Betreu­ung und Pflege der Gar­ten­an­lage.

Der wei­tere Aus­bau des Erho­lungs­we­sens im Osterz­ge­birge war in den 1980er Jah­ren Anlass, die erfor­der­li­che Instand­set­zung des Bota­ni­schen Gar­tens in Angriff zu neh­men. Michael Bart­hel, seit 1979 Lei­ter des Bota­ni­schen Gar­tens, gestal­tete das Areal natur­nah um. Aus­ge­hend von der reiz­vol­len Lage in der Land­schaft und unter Ein­be­zie­hung der Topo­gra­fie des stark nach Nor­den geneig­ten Gelän­des wur­den die Gar­ten­be­rei­che sehr dif­fe­ren­ziert model­liert und die inzwi­schen her­an­ge­wach­se­nen Gehölz­be­stände mit in die Kon­zep­tion ein­be­zo­gen.

Dank eines Flä­chen­zu­kau­fes erhielt der Gar­ten seine heu­tige Größe von rund 1,5 Hektar. Diese Erwei­te­rung ermög­lichte den Bau des Wirt­schafts­ge­bäu­des mit einer Dienst­woh­nung und den Ein­bau der erfor­der­li­chen Was­ser­ver­sor­gungs­an­lage für den Gar­ten.

Ab 1991

1991 wurde der Gemein­de­ver­band Kips­dorf auf­ge­löst und die staat­li­che Finan­zie­rung fiel weg. Bereits im Mai 1991 über­nahm der wie­der aktiv wir­kende Lan­des­ver­ein Säch­si­scher Hei­mat­schutz e.V. trotz unge­klär­ter Eigen­tums­ver­hält­nisse die Bewirt­schaf­tung der Gar­ten­an­lage und sicherte erneut deren Fort­be­stand.

1992/​93 konn­ten end­lich mit staat­li­chen För­der­mit­teln die in den 1980er Jah­ren erwor­be­nen Flä­chen ent­spre­chend der Gesamt­kon­zep­tion neu gestal­tet wer­den. So wurde die bis­he­rige pro­vi­so­ri­sche Wirt­schafts­zu­fahrt im Wes­ten zu einem ein­la­den­den Ein­gangs­be­reich umge­stal­tet. Ein Rund­weg erschließt seit­her die öst­lich an das ursprüng­li­che Gar­ten­ge­lände angren­zende Bär­wurz­wiese, eine über Jahr­zehnte ent­stan­dene Stein­rü­cke und einen Fich­ten­wald­be­reich. Ein neu ange­leg­ter, fast 100 Meter lan­ger, natür­lich wir­ken­der Bach­lauf, der seine „Quelle“ in die­sem Fich­ten­wald hat, schafft mit sei­nen ein­ge­bun­de­nen Was­ser­flä­chen viel­fäl­tige Feucht­be­rei­che. In Anleh­nung an eine ältere Lat­schen­kie­fern­gruppe wurde ein Moor­bio­top gestal­tet und an einem Steil­hang eine Block­halde auf­ge­baut.

Auf­grund recht­li­cher und finan­zi­el­ler Gründe schei­terte der Rück­füh­rungs­an­spruch des Lan­des­ver­eins bzw. der Erwerb des gesam­ten Gelän­des. Die Grün­dung eines Zweck­ver­ban­des kam eben­falls nicht zustande. 1995 wurde der Bota­ni­sche Gar­ten dem Eigen­tum der zum dama­li­gen Zeit­punkt noch eigen­stän­di­gen Gemeinde Schel­l­er­hau zuge­ord­net. Anfang 1996 erfolgte die Ein­ge­mein­dung von Schel­l­er­hau nach Alten­berg und die Stadt Alten­berg bewirt­schaf­tete nun gemein­sam mit dem Lan­des­ver­ein Säch­si­scher Hei­mat­schutz e.V. den Gar­ten.

Ab 2001 über­nahm der För­der­ver­ein für die Natur des Osterz­ge­bir­ges e. V. die Bewirt­schaf­tung und sicherte den wei­te­ren Erhalt der bemer­kens­wer­ten, geschichts­träch­ti­gen Anlage.

Im Som­mer 2006 fei­erte der Bota­ni­sche Gar­ten Schel­l­er­hau sein 100-jäh­ri­ges Bestehen. In die­sem Jahr wur­den auch, geför­dert durch „Lea­der plus“, das Grüne Klas­sen­zim­mer „Unterm Son­nen­se­gel“ und die Klang­in­stal­la­tion von neun natur­nah gestal­te­ten Instru­men­ten im Gar­ten ein­ge­weiht.

Ab 2008

Mit Jah­res­be­ginn 2008 über­gab der För­der­ver­ein die Bewirt­schaf­tung der Gar­ten­an­lage sei­ner Gemein­nüt­zi­gen GmbH Natur­be­wah­rung Osterz­ge­birge.
Nach dem alters­be­ding­ten Aus­schei­den von Michael Bart­hel über­nahm im Mai 2008 die diplo­mierte Gar­ten- und Land­schafts­ar­chi­tek­tin Annette Zim­mer­mann die Lei­tung des Bota­ni­schen Gar­tens.
Im Zuge von Sanie­rungs­ar­bei­ten wur­den 2008 die ehe­ma­lige Dienst­woh­nung im Ver­wal­tungs­ge­bäude zu Büro- und Arbeits­räu­men umge­stal­tet und im Erd­ge­schoss ein Ver­an­stal­tungs­raum für Vor­träge, Wei­ter­bil­dun­gen und Aus­stel­lun­gen ein­ge­rich­tet.

In den kom­men­den Jah­ren gilt es, den unver­wech­sel­ba­ren Cha­rak­ter der Anlage und den arten­rei­chen Pflan­zen­be­stand in sei­ner Viel­falt zu bewah­ren, den Gar­ten über­re­gio­nal bekannt zu machen sowie wis­sen­schaft­li­che Pro­jekte, fach­be­zo­gene Ver­an­stal­tun­gen und Wei­ter­bil­dungs­an­ge­bote für Kin­der und Erwach­sene zu eta­blie­ren.